"Die Hautfarbe - die ist bei den Russen irreführend", belehrte ein Experte mit langjähriger Russland-Erfahrung einen Newcomer. "Darauf fallen viele rein. Du musst darauf gefasst sein, dass sie anders reagieren als du dies von einem Europäer erwarten würdest. Das hat sicherlich viele Gründe." Einen davon glaube ich jetzt entdeckt zu haben.
In der Formulierung, wie ich die jetzt ein paar Zeilen tiefer anbiete, habe ich sie jedenfalls noch bei niemandem gefunden. So exakt jedenfalls. Ist bestimmt nicht der einzige Grund, warum die Russen und die Russinnen so anders sind, aber ein ganz bedeutender. Ich habe meine Entdeckung auf empirischem Wege gemacht – eigentlich auch rein zufällig und ebenfalls nur jetzt, wo ich mich schon langsam meinem Lebensabend annähere. Dabei liegt diese meine Entdeckung absolut auf der Hand.
Die Formel lautet: DIE RUSSEN KENNEN DIE JAHRESZEIT FRÜHLING GAR NICHT! Das, was sie romantisch als "Frühling" bezeichnen, ist ein komisches, kaum wahrnehmbares, lächerliches kurzes Intermezzo, beinahe eine Interjektion zwischen Winter und Sommer. Jedenfalls keine JahresZEIT – diese schön langsame, gemächliche und ausführliche, so selbstverständliche, wie die Europäer diese Jahreszeit kennen.
Als ich heuer Ende Februar in Paris war, zwitscherten im Tuileries-Garten Nachtigallen wie benommen. Bei plus 12 Grad Celsius. Am letzten März-Wochenende in Wien saß ich in einem Cafe am Ring und genoss Aperol (angenehm gekühlt) bei plus 22 Grad Celsius. Mit den Rückflügen nach Moskau wurde ich beide Male quasi wie mit einer Zeitmaschine in den Winter zurück versetzt – mit minus 10 Grad und wadentiefem Schnee.
Am 5. April – die Zentraleuropäer haben inzwischen längst vergessen, wie Schnee aussieht - hat es in Moskau wieder wie wild geschneit, als stünden wieder Weihnachten und Silvester vor der Tür. Am 6. April, als sich gegen Mittag erstmals in diesem Jahr so etwas wie Frühlingssonne gezeigt hat (am Vormittag musste ich noch verbittert Eis von der Windschutzscheibe meines Autos abkratzen) lese ich in einer Zeitung: "Es kann durchaus sein, dass es Ende April wieder leicht schneit".
"Die drei Schwestern" von Anton Tschechow fangen wie folgt an:
Olga. Der Vater starb genau vor einem Jahr, am fünften Mai,
an deinem Namenstag, Irina. Es war sehr kalt, es schneite.
Ich dachte, ich werde es nicht überleben. Ich lag in Ohnmacht,
wie tot. „Am fünften Mai“, wohlbemerkt. Im Übrigen: Hat jemand bereits eruiert, warum die russischen Literaturklassiker vom Weltruf wie Iwan Turgenjew, Nikolai Gogol oder Fjodor Dostojewski so lange – jahrelang! – in Europa gelebt haben? Nicht etwa deshalb, weil sie die inspirierende Frühlingsenergie nur dort schöpfen konnten? Das gleiche gilt übrigens auch für die russischen Weltgrößen wie Peter Tschaikowsky, Sergej Rachmaninow und Sergej Prokofjew. Von international bekannten russischen Malern ganz zu schweigen. Wer weiß, welche Weltspitzen die russischen Klassiker Alexander Puschkin und Michail Lermontow noch erklommen hätten, wäre ihnen der Weg ins Ausland nicht versperrt gewesen. So mussten sie sich aber (nicht zuletzt deshalb! – sei an dieser Stelle frech behauptet) in Duellen austoben und ihren frühen Tod finden – der eine mit 37, der andere mit 27. Anton Tschechow ließ sich mit 38 Jahren ein Haus in Jalta auf der Halbinsel Krim am Schwarzen Meer bauen, um diesen tragischen Moskauer "Frühling" nicht mehr erleben zu müssen – leider viel zu spät, seine Tuberkulose saß bereits viel zu tief. Verdammt schade. Jetzt stelle man sich nur für einen Augenblick vor, was es für ein Leben ist – ohne Frühling! Ohne Frühling als JahresZEIT. Welche Folgen hat das für Gesundheit, Selbstbefinden und Psyche, für die Lebensweise und die Lebenseinstellung. Für die Wahrnehmung von hell und dunkel, schwarz und weiß, gut und böse. Worauf ich eigentlich hinaus will: Was für eine überragende, noch viel bewundernswertere Nation hätten die Russen sein können, hätten sie wie die sonstigen Europäer den Frühling wie die sonstigen Europäer als eine regelrechte dreimonatige JAHRESZEIT (wie der eben, verdammt noch mal, auch im russischen Kalender registriert ist!) erleben dürfen. Sonst aber: Tschebutykin. Das kommt uns alles nur so vor: In Wirklichkeit sind wir gar nicht vorhanden, es gibt uns einfach nicht; es sieht nur so aus, als ob wir da wären. Mascha. Da lebt man nun schon in einem Klima, wo man dauernd Angst hat, es fängt an zu schneien, und dann noch dieses blöde Gequatsche. (Anton Tschechow. "Die drei Schwestern.") Auf bald.