Die Russen, Eine Nation, die den Frühling nicht kennt
[info]iwanowski

"Die Hautfarbe - die ist bei den Russen irreführend", belehrte ein Experte mit langjähriger Russland-Erfahrung einen Newcomer. "Darauf fallen viele rein. Du musst darauf gefasst sein, dass sie anders reagieren als du dies von einem Europäer erwarten würdest. Das hat sicherlich viele Gründe." Einen davon glaube ich jetzt entdeckt zu haben.

 In der Formulierung, wie ich die jetzt ein paar Zeilen tiefer anbiete, habe ich sie jedenfalls noch bei niemandem gefunden. So exakt jedenfalls. Ist bestimmt nicht der einzige Grund, warum die Russen und die Russinnen so anders sind, aber ein ganz bedeutender. Ich habe meine Entdeckung auf empirischem Wege gemacht – eigentlich auch rein zufällig und ebenfalls nur jetzt, wo ich mich schon langsam meinem Lebensabend annähere. Dabei liegt diese meine Entdeckung absolut auf der Hand.

 

Die Formel lautet: DIE RUSSEN KENNEN DIE JAHRESZEIT FRÜHLING GAR NICHT! Das, was sie romantisch als "Frühling" bezeichnen, ist ein komisches, kaum wahrnehmbares, lächerliches kurzes Intermezzo, beinahe eine Interjektion zwischen Winter und Sommer. Jedenfalls keine JahresZEIT – diese schön langsame, gemächliche und ausführliche, so selbstverständliche, wie die Europäer diese Jahreszeit kennen.  

 Als ich heuer Ende Februar in Paris war, zwitscherten im Tuileries-Garten Nachtigallen wie benommen. Bei plus 12 Grad Celsius. Am letzten März-Wochenende in Wien saß ich in einem Cafe am Ring und genoss Aperol (angenehm gekühlt) bei plus 22 Grad Celsius. Mit den Rückflügen nach Moskau wurde ich beide Male quasi wie mit einer Zeitmaschine in den Winter zurück versetzt – mit minus 10 Grad und wadentiefem Schnee.

 Am 5. April – die Zentraleuropäer haben inzwischen längst vergessen, wie Schnee aussieht - hat es in Moskau wieder wie wild geschneit, als stünden wieder Weihnachten und Silvester vor der Tür. Am 6. April, als sich gegen Mittag erstmals in diesem Jahr so etwas wie Frühlingssonne gezeigt hat (am Vormittag musste ich noch verbittert Eis von der Windschutzscheibe meines Autos abkratzen) lese ich in einer Zeitung: "Es kann durchaus sein, dass es Ende April wieder leicht schneit".


"Die drei Schwestern" von Anton Tschechow fangen wie folgt an:

Olga. Der Vater starb genau vor einem Jahr, am fünften Mai,
 an deinem Namenstag, Irina. Es war sehr kalt, es schneite. 
Ich dachte, ich werde es nicht überleben. Ich lag in Ohnmacht, 
wie tot. 
 
„Am fünften Mai“, wohlbemerkt. 

Im Übrigen: Hat jemand bereits eruiert, warum die russischen 
Literaturklassiker vom Weltruf wie Iwan Turgenjew, Nikolai Gogol 
oder Fjodor Dostojewski so lange – jahrelang! – in Europa gelebt haben? 
Nicht etwa deshalb, weil sie die inspirierende Frühlingsenergie nur dort 
schöpfen konnten? Das gleiche gilt übrigens auch für die russischen 
Weltgrößen wie Peter Tschaikowsky, Sergej Rachmaninow und Sergej 
Prokofjew. Von international bekannten russischen Malern ganz zu schweigen. 

Wer weiß, welche Weltspitzen die russischen Klassiker Alexander 
Puschkin und Michail Lermontow noch erklommen hätten, wäre ihnen der 
Weg ins Ausland nicht versperrt gewesen. So mussten sie sich aber 
(nicht zuletzt deshalb! – sei an dieser Stelle frech behauptet) in Duellen 
austoben und ihren frühen Tod finden – der eine mit 37, der andere mit 27. 

Anton Tschechow ließ sich mit 38 Jahren ein Haus in Jalta auf der Halbinsel 
Krim am Schwarzen Meer bauen,  um diesen tragischen Moskauer 
"Frühling" nicht mehr erleben zu müssen – leider viel zu spät, seine Tuberkulose 
saß bereits viel zu tief. Verdammt schade.

Jetzt stelle man sich nur für einen Augenblick vor, was es für ein Leben ist 
– ohne Frühling! Ohne Frühling als JahresZEIT. Welche Folgen hat das für 
Gesundheit, Selbstbefinden und Psyche, für die Lebensweise und die 
Lebenseinstellung. Für die Wahrnehmung von hell und dunkel,
schwarz und weiß, gut und böse. 

Worauf ich eigentlich hinaus will: Was für eine überragende, noch viel 
bewundernswertere Nation hätten die Russen sein können, hätten sie wie 
die sonstigen Europäer den Frühling wie die sonstigen Europäer als eine 
regelrechte dreimonatige JAHRESZEIT (wie der eben, verdammt noch 
mal, auch im russischen Kalender registriert ist!) erleben dürfen. 

Sonst aber: 

Tschebutykin. Das kommt uns alles nur so vor: In Wirklichkeit
sind wir gar nicht vorhanden, es gibt uns einfach nicht; es sieht 
nur so aus, als ob wir da wären. 

Mascha. Da lebt man nun schon in einem Klima, wo man 
dauernd Angst hat, es fängt an zu schneien, und dann noch dieses 
blöde Gequatsche.

(Anton Tschechow. "Die drei Schwestern.")  Auf bald. 



Die Russen: Eine Nation, die den Frühling nicht kennt
[info]iwanowski

 

"Die Hautfarbe - die ist bei den Russen irreführend", belehrte ein Experte mit langjähriger Russland-Erfahrung einen Newcomer. "Darauf fallen viele rein. Du musst darauf gefasst sein, dass sie anders reagieren als du dies von einem Europäer erwarten würdest. Das hat sicherlich viele Gründe." Einen davon glaube ich jetzt entdeckt zu haben.

 

In der Formulierung, wie ich die jetzt ein paar Zeilen tiefer anbiete, habe ich sie jedenfalls noch bei niemandem gefunden. So exakt jedenfalls. Ist bestimmt nicht der einzige Grund, warum die Russen und die Russinnen so anders sind, aber ein ganz bedeutender. Ich habe meine Entdeckung auf empirischem Wege gemacht – eigentlich auch rein zufällig und ebenfalls nur jetzt, wo ich mich schon langsam meinem Lebensabend annähere. Dabei liegt diese meine Entdeckung absolut auf der Hand.

 

Die Formel lautet: DIE RUSSEN KENNEN DIE JAHRESZEIT FRÜHLING GAR NICHT! Das, was sie romantisch als "Frühling" bezeichnen, ist ein komisches, kaum wahrnehmbares, lächerliches kurzes Intermezzo, beinahe eine Interjektion zwischen Winter und Sommer. Jedenfalls keine JahresZEIT – diese schön langsame, gemächliche und ausführliche, so selbstverständliche, wie die Europäer diese Jahreszeit kennen.  

 

Als ich heuer Ende Februar in Paris war, zwitscherten im Tuileries-Garten Nachtigallen wie benommen. Bei plus 12 Grad Celsius. Am letzten März-Wochenende in Wien saß ich in einem Cafe am Ring und genoss Aperol Sprizz (angenehm gekühlt) bei plus 22 Grad Celsius. Mit den Rückflügen nach Moskau wurde ich beide Male quasi wie mit einer Zeitmaschine in den Winter zurück versetzt – mit minus 10 Grad und wadentiefem Schnee.

 

Am 5. April – die Zentraleuropäer haben inzwischen längst vergessen, wie Schnee aussieht - hat es in Moskau wieder wie wild geschneit, als stünde wieder Silvester vor der Tür. Am 6. April, als sich gegen Mittag erstmals in diesem Jahr so etwas wie Frühlingssonne gezeigt hat (am Vormittag musste ich noch verbittert Eis von der Windschutzscheibe meines Autos abkratzen) lese ich in einer Zeitung: "Es kann durchaus sein, dass es Ende April wieder leicht schneit".

 

"Die drei Schwestern" von Anton Tschechow fangen wie folgt an:

 

     Ольга. Отец умер ровно год назад, как раз в этот день, пятого мая,  в
твои именины, Ирина. Было очень холодно, тогда шел снег. Мне  казалось,  я
не переживу, ты лежала в обмороке, как мертвая.
 
Olga. Der Vater starb genau vor einem Jahr, am fünften Mai, an deinem Namenstag, Irina. Es war sehr kalt, es schneite. Ich dachte, ich werde es nicht überleben. Ich lag in Ohnmacht, wie tot. 
 
Im Übrigen: Hat jemand bereits eruiert, warum die russischen Literaturklassiker vom Weltruf wie Iwan Turgenjew, Nikolai Gogol oder Fjodor Dostojewski so lange – jahrelang! – in Europa gelebt haben? Nicht etwa deshalb, weil sie die inspirierende Frühlingsenergie nur dort schöpfen konnten? Das gleiche gilt übrigens auch für die russischen Weltgrößen wie Peter Tschaikowsky, Sergej Rachmaninow und Sergej Prokofjew. Von den international bekannten russischen Malern ganz zu schweigen.
 
Wer weiß, welche Weltspitzen die russischen Klassiker Alexander Puschkin und Michail Lermontow noch erklommen hätten, wäre ihnen der Weg ins Frühlings-Ausland nicht versperrt gewesen. So mussten sie sich aber (nicht zuletzt deshalb! – sei an dieser Stelle frech behauptet) in Duellen austoben und ihren frühen Tod finden – der eine mit 37, der andere mit 27. 
 
Anton Tschechow ließ sich mit 38 Jahren ein Haus in Jalta auf der Halbinsel Krim am Schwarzen Meer bauen, um diesen tragischen Moskauer "Frühling" nicht mehr erleben zu müssen – leider viel zu spät, seine Tuberkulose saß bereits viel zu tief. Verdammt schade.
 
Jetzt stelle man sich nur für einen Augenblick vor, was es für ein Leben ist – ohne Frühling! Ohne Frühling als JahresZEIT. Welche Folgen hat das für Gesundheit, Selbstbefinden und Psyche, für die Lebensweise und die Lebenseinstellung. Für die Wahrnehmung von hell und dunkel, schwarz und weiß, gut und böse. 
 
Worauf ich eigentlich hinaus will: Was für eine überragende, noch viel bewundernswertere Nation hätten die Russen sein können, hätten sie wie die sonstigen Europäer den Frühling wie die sonstigen Europäer als eine regelrechte dreimonatige JAHRESZEIT (wie der eben, verdammt noch mal, auch im russischen Kalender registriert ist!) erleben dürfen. 
 
Sonst aber: 
 
Чебутыкин. Это только кажется... Ничего нет на свете, нас нет, мы  не
существуем, а только кажется, что существуем... 
 
Маша. Так вот целый день говорят, говорят... (Идет.) Живешь  в  таком
климате,  того  гляди  снег   пойдет,   а   тут   еще   эти   разговоры...
 
Tschebutykin. Das kommt uns alles nur so vor: In Wirklichkeit sind wir gar nicht vorhanden, es gibt uns einfach nicht; es sieht nur so aus, als ob wir da wären. 
 
Mascha. Da lebt man nun schon in einem Klima, wo man dauernd Angst hat, es fängt an zu schneien, und dann noch dieses blöde Gequatsche.
 
(Anton Tschechow. "Die drei Schwestern.") 
 
Auf bald. 

Die Ehen von Frau Russland
[info]iwanowski

Wie die meisten Ländernamen im Russischen ist Russland – "Rossija" – weiblich. Rossija ist eine "sie". Frau Russland. Für Frau Russland ist die Frage der Liebe oft entscheidend. Die Präsidentenwahl ist in Russland eine Art Brautwerbung.


Der Wahlslogan von Boris Jelzin bei der Präsidentenwahl 1996 lautete "Stimme mit Deinem Herzen!" Sogar dieser damals schon ältere Herr appellierte an die Gefühle – nicht an den Kopf, wie bei den "reifen Demokratien" des Okzidents eigentlich üblich.

 

Als Wladimir Putin 2000 den 69-jährigen Jelzin im Präsidentenamt ablöste, war er 48. Der betont sportliche Mann kam nach einem bereits stark verbrauchten kränklichen Herrn. Der Kontrast war überwältigend. "Ja!" stöhnte Frau Russland extatisch. "Ich will den Wolodja!"

 

Einen derart jungen Bräutigam hatte Frau Russland in der Tat schon seit fast einem guten Jahrhundert nicht mehr. Ein anderer Wolodja, Künstlername Lenin, war in der Hochzeitsnacht im Oktober 1917 zwar 47 und auch durchaus energisch, wenn auch nicht unbedingt sehr sportlich. Ein Bündnis aus Liebe war es aber ganz bestimmt nicht, eher eine Vergewaltigung, wenn man an etliche Millionen Bürgerkrieg-Opfer denkt.

 

Sein Nachfolger Stalin bestieg mit 45 den Thron, aber auch von ihm hat Frau Russland genügend blutige Prügel bekommen im Laufe der rund 30 Jahre langen Ehe. Höchstens eine perverse Sadomaso-Liebe war das, nach der sich so manche Stalinisten allerdings heute noch sehnen.

 

Danach kamen Nikita Chruschschow, 59 am Tag der Eheschließung, und Leonid Breschnjew (58). Die hat Frau Russland, ebenso wie die beiden vorherigen Ehepartner, zwar nicht selbst gewählt, zum Glück waren sie aber bei weitem nicht so gewaltlustig und streckenweise sogar witzig und amüsant – aber eben nicht mehr im besten Heiratsalter.

 

An die späteren kurzen Liaisons mit den Greisen Andropow und Tschernenko erinnert sich Frau Russland aus verständlichen Gründen ungern. Umso mehr freute sich Frau Russland, die zwischen 1982 und 1985 dreimal hintereinander Witwe werden musste, über Michail Gorbatschow. Mit 54 war er zwar auch nicht mehr der Jüngste, zumindest war er aber echt originell und unternehmungslustig. Seine Unternehmungslust gefiel aber Frau Russland mit der Zeit immer weniger. Alles endete in der Tat ziemlich schlimm: Diese Ehe musste Frau Russland mit dem Verlust von unschätzbaren Immobilien in Asien und Europa bezahlen…

 

Insofern war Wladimir Putin für Frau Russland 2000, wie gesagt, ein echtes Geschenk. Energisch, eloquent, aber auch betont maskulin und sportiv. Erinnern Sie sich noch an die sensationellen Fotos von seinem halbnackten Torso, mit denen er 2007 – damals war er immerhin 55! – Weltfurore machte? Eben. Da kann man Frau Russland und ihre hemmungslose Liebe wohl sehr gut verstehen.

 

Dann hieß es aber 2008, Putin muss nach den acht Jahren dieser weitgehend unbewölkten Liebesehe laut Gesetz eine Verschnaufpause einlegen. "Ein Bund fürs Leben" sieht die russische Verfassung halt nicht. "Ich habe jemanden für dich, Liebste", sagte Putin seiner Frau Russland zum Abschied. "Du wirst ihn mögen. Er ist jung, gut erzogen, gute Ausbildung. Keine Sorge: Ich gehe nicht fremd und bleibe in deiner Nähe."

 

Ein Mann – ein Wort. Er ging nicht fremd und blieb in ihrer Nähe. Und, nach den vier Jahren der gesetzlich vorgeschriebenen Enthaltsamkeit, meldete er sich zurück und sagte: "Hier bin ich wieder, Liebste!"

 

Mit Frau Russland ist aber inzwischen etwas geschehen. Sie wirkt jedenfalls nicht mehr ganz wie seine Frau von damals. Die frühere uneingeschränkte feurige Liebe scheint jedenfalls nicht mehr da zu sein. Verdammt – was ist los? War Frau Russland des Wartens müde? Hat ihr früherer Auserwählter etwas Falsches gesagt? Oder hat er sie nicht zärtlich genug angeschaut? Man weiß es ja, in einer jeden Beziehung kommt etwas in der Art vor.

 

Keine Sorge. Frau Russland nimmt Putin am 4. März wieder in ihre Arme auf. Als wäre zwischendurch nichts geschehen. Fast. Es ist nun mal banal: Völlig spurlos sind die vier Jahre – und die acht Jahre davor - nicht vorbeigegangen – weder an Frau Russland, noch an Putin. Putin ist 59 und wird im Herbst 60. Zu seinem Glück gibt es noch keinen wirklich überzeugend wirkenden Freier in der Nähe, zu dem Frau Russland weglaufen könnte. Jedenfalls verspricht der zurückgekehrte Ehemann, er wird seine Frau gut behandeln, großzügig versorgen und ihr alles kaufen, was sie sich nur wünschen würde.

 

Frau Russland bleibt bei ihm. Vorerst.

 

Auf bald.


Was ein Russe zum Fall Wulff so denkt
[info]iwanowski

Dass sich Herr Bundespräsident Christian Wulff in letzter Zeit gleich eine Serie von – zumindest der Öffentlichkeit bekannt gewordenen - Dummheiten erlaubt hat, weiß inzwischen die ganze Welt. Einige dieser Dummheiten hat er später auch selbst gestanden. Nachstehend setzen wir uns damit auseinander, was ein Russe dazu meinen könnte – unabhängig davon, ob dies Herrn Wulff in irgendeiner Hinsicht jucken wird oder nicht.

Hier sind also die Gedanken, die einem Russen durch den Kopf schießen würden – lapidar stenographiert:

 

1.     „Aha! Hier haben wir also diese hoch gelobte westliche Demokratie! Selbst in einer reifen Demokratie kann also ein korrupter Schuft zum Präsidenten gewählt werden!“

 

2.     „Moment! Was hat der Typ eigentlich getan? Er hat bei guten Freunden Geld gepumpt zu etwas günstigeren Bedingungen als sonst üblich. Ist das schon alles?“

 

3.     „War da noch etwas? Ach ja: Er hat einmal Economy-Klasse-Flugtickets gebucht, durfte dann aber mit der Business-Klasse fliegen. Und seine Miezekatze auch. Ist das jetzt schon alles?“

 

4.     „Ach nein. Anscheinend ist er bei seinen Urlaubsreisen mal ausnahmsweise dank seinem großen Freundeskreis günstig abgestiegen. Gibt es noch etwas?“

 

5.     „Ach ja. Er hat diesen miesen Boulevardblatt-Machern gesagt, sie möchten da ihre verschnupften Nasen gefälligst raushalten und sich nicht in seine Privatsphäre eindringen. Später hat er sich dafür sogar entschuldigt. Jetzt ist es aber wirklich alles, oder?“

 

6.     „Wenn das wirklich alles ist, liebe deutsche Zeitgenossen, dann sage ich Euch folgendes:

 

-         Als ich an meiner Datscha gebaut habe, habe ich auch bei meinem guten Freund Geld gepumpt – zu wesentlich günstigeren Bedingungen als diese Räuber in den Banken mir angeboten haben. Alle Seiten waren happy. Habe ich dabei etwa meinem Staat Geld gestohlen oder sonst meinem Land irgendwie geschadet? Die anderen da rundherum, die klauen milliardenweise – da geschieht aber nix.

-         Als ich mal nach Thailand geflogen bin, habe ich der Stewardess 100 Dollar in die Hand gedrückt, damit ich und mein Schnuckiputzi in der Business-Klasse die Beine ausstrecken durften. Alle Seiten waren happy.

-         Wenn ich mal nach Europa fliege, flehen mich meine Freunde an, ich möchte bitte bei denen übernachten. Ist doch lustiger so, oder? Alle Seiten sind happy. Platz haben sie ja eh genug.

 

-         Diese Boulevardblätter sind ohnehin der allerletzte Dreck. Und dabei nennen sie sich noch stolz „die vierte Gewalt“. Weh dem Land, wo diese gott- und gewissenlose „vierte Gewalt“ mal zur „ersten Gewalt“ werden sollte…

 

-         Folgendes sag’ ich Euch, liebe deutsche Zeitgenossen: Habt ihr Euch etwa einen Engel zum Bundespräsidenten gewünscht? Oder einen normalen Bundesschnösel wie „du und ich“? Überlegt’s Euch mal in aller Ruhe.

 

-         Hallo Christian! Du solltest es Dir auch mal in aller Ruhe überlegen: Wenn Deine Landsleute weiter so frech sind zu Dir, sag’ Deiner Miezekatze, es gibt noch andere Orte auf der Welt, wo Ihr glücklich sein könntet. Russland wäre da aus meiner Sicht optimal. Und alle sind happy."

 

 


Russland, ein Wintermärchen…
[info]iwanowski

Russland, ein Wintermärchen…

 

Ein Land, das auch im 21. Jahrhundert an Wunder und Zauberer glaubt und sich diese wünscht.

 

Ein Land, in dem Millionen von Menschen bereit sind, 26 Stunden lang in der Kälte Schlange zu stehen, um einen Bruchteil der Sekunde ein Kästchen berühren zu dürfen, in dem (angeblich) ein Fetzen vom Gürtel der Mutter Gottes drin ist, der (angeblich) Gesundheit spendende Kraft besitzt. (http://de.rian.ru/miscellaneous/20111124/261547036.html).

 

Ein Land, das immer noch geneigt ist, in seinen Herrschern – jedenfalls am Anfang - einen Zauberer zu sehen und ihn zu verherrlichen. 

 

Ein Land, in dem eine Mehrheit immer noch daran zu glauben scheint, dass um ihr Land herum nur böse Zauberer leben, die ihrem Land nur Übles wünschen.

 

Ein Land, in dem eine (immer kleiner werdende) aktive Minderheit immer noch fähig ist, sich  stärker zu erweisen als die schlummernde Mehrheit und der oberste Zauberer. Wie im Märchen halt.

 

(Um sich dann eventuell anstelle des alten einen neuen Zauberer hervorzuzaubern und an dessen Zauberkraft zu glauben.)

 

Nun bahnt sich aber ein neues, seltenes Wunder an: Zehntausende Einwohner sollen sich am kommenden Samstag in Moskau von ihren Sofas erheben, um in den Stadtkern zu fahren und dort stundenlang in der Kälte herumzustehen.

 

Ausgerechnet an dem Tag, wo die Deutschen und die sonstigen Europäer nur Weihnachten im Kopf haben, soll in Russland Geschichte gemacht werden.

 

Die Leute werden nicht wegen eines (angeblichen) Fetzens vom Gürtel der Mutter Gottes herumstehen. Nicht weil sie dafür bezahlt werden. Nicht weil sie damit ihre Ehrfurcht vor dem obersten Zauberer bekunden wollen. Sondern weil sie damit zeigen wollen, dass sie DA sind.

 

Dass dies wirklich geschieht, dass es blutlos endet und dass dies auch eine Wirkung hat – daran glaube ich persönlich nur schwer. Weil dies an ein Wunder grenzt.

 

Und dennoch…

 

„Das alte Geschlecht der Heuchelei

Verschwindet, Gott sei Dank, heut,

Es sinkt allmählich ins Grab, es stirbt

An seiner Lügenkrankheit.

 

Es wächst heran ein neues Geschlecht,

Ganz ohne Schminke und Sünden,

Mit freien Gedanken, mit freier Lust -

Dem werde ich alles verkünden.“

 

Selbst der gallige Zyniker Heinrich Heine gab sich hin und wieder Illusionen hin und wollte an Wunder glauben – wie hier am Schluss seines „Wintermärchens“.

 

Auf bald.

Und frohe Weihnachten.


Das postdemokratische Russland
[info]iwanowski

Die Russen brauchen die Wahlen nicht. Wahlen – die kann man nicht essen, nicht tragen und nicht küssen. Wahlen sind kein Bier und kein Fußball – insofern absolut entbehrlich. 82 Prozent der Einwohner Russlands denken so: Laut Umfragen sind diese vier Fünftel fest überzeugt, sie können das politische Geschehen nicht beeinflussen. Wozu dann wählen?

Auch die dort oben brauchen die Wahlen eigentlich nicht. Und sie wissen auch, dass die dort unten die Wahlen nicht brauchen. Eine pro forma-Sache also, oben wie unten, nur damit sich der Westen nicht aufregt.

 Apropos Westen. Wo ist jetzt dieser Westen mit seiner viel gelobten Demokratie? – fragt der Russe. Ein Ausdruck drängt sich auf, der für Frauenaugen, sollten welche diesen Text lesen, gar nicht geeignet ist. Und warum? Was ist übrigens mit Papandreou und mit Berlusconi, die seinerzeit immerhin demokratisch gewählt wurden und nun von Typen abgelöst worden sind, für die kein Schwein je gestimmt hat?  

Vor 20 Jahren – stimmt, da haben die Russen wie verrückt nach Wahlen getrachtet. Das heißt, sie hatten vorher 70 Jahre lang nach den Wahlen getrachtet, vor 20 Jahren haben sie diese endlich bekommen. Wie viele Hoffnungen hat man darauf gesetzt! Und? Nun fragen die Russen sich selbst und die ganze Welt: Und?

Nein, die Wahlen sind bloß eine Verblödung, wird der Russe heute sagen. Hätten die in Europa einen eigenen Putin auf Vorrat gehabt, hätten die längst ebenfalls ihre Wahlen – meinetwegen per Abstimmung, aber dann mit sicherer und absoluter Mehrheit – als überflüssig abgeschafft. 

 

Die Russen haben die Demokratie (in der Version, wie sie diese zwischen Spät-Gorbi und Früh-Putin erlebt haben) satt und leben nun in einer postdemokratischen Gesellschaft. Churchill soll gesagt haben: „Die Demokratie ist die schlechteste Gesellschaftsordnung, abgesehen von allen anderen.“ Leider hat er  Russland und die Russen der Nullerjahre nicht mehr erlebt. Sonst hätte er sich heute bestimmt für seinen Aphorismus geschämt.


Die postdemokratische Gesellschaft ist ein Sozium, in dem die Bevölkerung und ihre Regierung quasi aneinander vorbei leben und kaum Notiz voneinander nehmen. Höchstens zu den Wahlzeiten kommen die Politiker übermäßig massiv in die Glotze und verdrängen die üblichen Entertainer. Eben als TV-Entertainer werden sie auch wahrgenommen und wissen das auch Bescheid. Wäre es anders gewesen – wozu hätten sie es dann nötig, Mähdrescher zu fahren, Jagdbomber zu fliegen, Federball zu spielen und nach altgriechischen Amphoras zu tauchen – alles vor laufenden Kameras.

Die Westler, die haben natürlich zu wenig Verständnis dafür. Klar, besonders die Amerikaner. Gut, dass wir noch ein paar hundert Kernraketen haben, sagen die Russen, denn sonst – wer weiß, wie aufdringlich die Amis mit ihrer Demokratie sein könnten.

 

Der einzige Haken an der postdemokratischen Gesellschaft in Russland: Putin ist inzwischen 59. Na gut, so robust wie er heute ist, kann er getrost noch 20 Jahre abdecken. Was kommt aber danach? Wird die Wissenschaft bis dahin so weit sein, um Putin klonen zu können?




PUTINS ALTERNATIVE
[info]iwanowski

Nun wird Wladimir Putin Russlands Präsident auf Lebenszeit, hört man jetzt von allen Seiten. Die Alternative zu Putins Herrschaft sei nur sein Tod. Wie aber so manche Astrologen behaupten, könnte diese Alternative eventuell bereits bis Ende April 2012 eintreten – wenn der Saturn das will.

 

 „Putin kommt nicht für sechs oder 12 Jahre, sondern auf Lebenszeit“, empört sich etwa der Ex-Vizepremier Boris Nemzow, Shooting Star der 90erjahre in der Regierung Boris Jelzins, heute eine der wenigen immer noch halbwegs schillernden Figuren der liberalen Opposition. „Ich weiß nun nicht, wer zunächst stirbt – er oder Russland.“

 

Auch dieser gutherzige Herr spricht also von Putins Tod als einem politischen Faktor. Rein physiologisch gesehen, erscheint diese Variante ziemlich unwahrscheinlich. Herr Putin ist gerade 59 geworden (herzlichen Glückwunsch nachträglich) und ist auch sichtlich bemüht,  das Weltpublikum davon zu überzeugen, dass er noch ein junger Hüpfer sei. Das gelingt ihm auch recht überzeugend.

 

(Menschen wie ich, deren Kindheit auf die Zeiten des „reifen Sowjet-Sozialismus“ der Breschnew-Ära fällt, haben im zarten Alter recht oft den Ausdruck „Deduschka Lenin“ gehört – „Großväterchen Lenin“ also. Bestimmt war das ein Produkt der professionellen Leninismus-Apologeten, die in diesem Wortpaar offenbar eine gelungene, auf Kinder gemünzte Teelöffelchen-Propaganda sahen. Dabei starb Wladimir Lenin 1924 bereits mit 54 Jahren – physiologisch gesehen, war er zu dem Zeitpunkt wirklich ein Stück Schrott - und hatte keine Kinder, geschweige denn Enkelkinder.  Putin aber gilt heute als ein „energiegeladener junger Leader“. Niemand würde auf die Idee kommen, ihn als „Deduschka Putin“ zu bezeichnen, obgleich ihn seine beiden Töchter rein altersmäßig jeden Augenblick zum Großvater machen können.) 

 

Von den Sternen bekommt man jetzt allerdings ein bedenkliches Signal. Der Moskauer Astrologe Michail Tschistjakow liest jedenfalls dort oben eine dramatische Mahnung: „Wenn sich der Saturn nahe der Grenze zwischen der Waage und dem Skorpion befindet, was alle 29,5 Jahre geschieht, stirbt in Russland der Herrscher. Am 1. November 1894 starb Zar Alexander III., Im nächsten Zyklus, am 21. Januar 1924, war Wladimir Lenin dran. Am 5. März 1953 segnete Josef Stalin das Irdische. Am 10. November 1982 war Leonid Breschnew an der Reihe. Der nächste Zyklus beginnt im Dezember 2011 und dauert bis April 2012.“

 

Hat man Putin davon bereits informiert? Ich zumindest würde mich dann an seiner Stelle bis Ende April 2012 recht unbehaglich fühlen.

 

Trösten würde ich mich aber an seiner Stelle mit folgendem:

 

Erstens: Rein formell ist Dmitri Medwedew bis Anfang Mai der Herrscher Russlands.

 

Zweitens: Alle oben aufgezählten russischen Herrscher sind eines natürlichen Todes gestorben. Kraftpaket Putin ist aber kerngesund.

 

Ich persönlich tippe darauf, dass im Sternmechanismus in der Zwischenzeit ein leichter Fehler eingetreten ist. Ein natürlicher Tod würde heute höchstens im Fall Michail Gorbatschow in Frage kommen (Gott möge dem 80-jährigen Ex-Herrscher noch viele Jahre schenken).

 

Und: Ich persönlich würde lieber „Großväterchen Putin“ – mit etlichen Enkelkindern und so – erleben als die oben erwähnte Alternative zu seiner Herrschaft, die zwangsläufig neue open-end-Erschütterungen mit sich bringen würde. Davon haben wir hierzulande bereits genug gehabt.

 

Auf bald.


VERRÜCKT
[info]iwanowski

Stellen Sie sich mal vor: Sie machen beim Frühstück die frische „Welt“-bzw. „FAZ“-Ausgabe auf und stoßen auf ein Interview des Chefs des Führungsstabs der Bundeswehr. Und dieser Herr wird mit folgenden Worten zitiert: „Volksaufstände wie in den arabischen Ländern sind auch in Deutschland nicht ausgeschlossen. Die Revolutionen in Tunesien, Ägypten und Libyen haben gezeigt, dass das deutsche Militär auf die schlimmsten politischen Entwicklungen im Land gewappnet sein muss.“

Groß ist sicherlich die Gefahr, dass Sie sich, von diesem afrikanisch-arabischen Zukunftsbild Ihrer Heimat überrascht, gleich mit Ihrem Kaffee verbrühen. Oder Ihre Semmel wird Ihnen lebensgefährlich in der Kehle stecken bleiben. Wahrscheinlich ist auch, dass Sie diese Passage noch einmal und noch einmal – laut und vor sich hin – lesen und dann völlig perplex in Richtung Himmel fragen werden: „Spinne ich? Oder spinnt die Zeitung? Oder spinnt dieser Herr Militär? DAS KANN DOCH NICHT WAHR SEIN!!!“

Stimmt. Im deutschsprachigen Raum ist es absolut unvorstellbar. In Russland aber ist es nicht nur möglich – es ist Realität.  Hier der Beweis: http://de.rian.ru/security_and_military/20110913/260566244.html

 Und hier nur ein Zitat:

„Russlands Armee will die Zahl der Scharfschützen deutlich erhöhen, schreibt die Zeitung „RBC daily“ am Dienstag.

Wie der russische Generalstabschef Nikolai Makarow gestern bekannt gab, hängt dieser Beschluss mit neuen Anforderungen des heutigen Kampfes zusammen. Volksaufstände wie in den arabischen Ländern seien auch in Russland nicht ausgeschlossen. Die Revolutionen in Tunesien, Ägypten und Libyen haben gezeigt, dass das russische Militär auf die schlimmsten politischen Entwicklungen im Land gewappnet sein müsse, betonte Makarow.“

Was aber noch beeindruckender ist – in Russland gilt das als normal. So gut wie niemand regt sich darüber auf, dass der ranghöchste russische Offizier, Generalstabschef Makarow, 

a) sein als demokratisch geltendes Heimatland faktisch mit
Diktaturen wie Tunesien und Libyen gleichsetzt und  b) es völlig normal findet, dass die russische Armee (am besten eben diese speziell trainierten Scharfschützen, von denen im Beitrag die Rede ist) ohne weiteres gegen das russische Volk eingesetzt werden kann – ja, sogar muss! – sollte sich dieses Volk einmal ausflippen.

Wie man weiter im Beitrag liest, finden die Experten, die nach ihrer Meinung dazu gefragt wurden, diese Idee Makarows lobenswert und völlig am Platze. Einem von ihnen fällt dabei ausgerechnet Nordkorea als ein erstrebenswertes Musterbeispiel für die weitere Entwicklung der russischen Armee ein.

Eine kritische Stimme zu General Makarows Äußerung habe ich in den www-Tiefen dennoch entdeckt –sie stammt vom namhaften Bürgerrechtler Lew Ponomarjow. Hier ist sie: „Wenn bei Russlands Staatsführung zumindest ein kleines Stück vom sozialen Selbsterhaltungstrieb übrig geblieben ist, so muss Generalstabschef Nikolai Makarow, der öffentlich erklärt, in den russischen Streitkräften sei die Bildung spezieller, mit hochpräzisen Import-Waffen ausgerüsteter Scharfschützeneinheiten zum Kampf gegen das eigene Volk geplant, unverzüglich in den Ruhestand versetzt werden. Nur die einfache Höflichkeit hindert mich, eine psychiatrische Begutachtung dieser Person zu fordern.“

 Ich schließe mich, offen gesagt, diesem letzteren Standpunkt an. Da aber Herr Ponomarjow und ich – nach der ausgebliebenen Entrüstung in der russischen Öffentlichkeitsmasse zu urteilen – eine absolute Minderheit darstellen, gilt wohl eher dieser Standpunkt eben als nicht normal.


Auf bald.

Schwule judophile Nazis gegen Tolerasten
[info]iwanowski

Der Nazi von heute ist schwul und liebt die Juden. So charakterisiert jedenfalls der namhafte Moskauer Journalist Maxim Schewtschenko den norwegischen Massenmörder Andres Breivik.  Zitat: „Dieser Mensch ist gleichzeitig ein extremer Befürworter der Politik Israels (er hat Menschen erschossen, die sich im Lager versammelt haben, um ihre Unterstützung für die palästinensische Widerstandspolitik zu bekunden), zweitens: er ist homosexuell, drittens: er ist ein Neonazi.“ Schwule, judophile Nazis auf Vormarsch also.

 

Kollege Schewtschenko sieht darin eine Tendenz – hier noch ein Zitat: „Nicht zum ersten Mal sehen wir, wie im europäischen Raum drei Dinge zusammenlaufen: Neonazismus, Homosexualität und radikale Sympathie für Israel bis hin zur Bereitschaft, andere zu töten. Ich denke, diese Tendenz wurde in Europa künstlich gezüchtet als ein Gegengewicht zur Position des riesigen Teils der europäischen Gesellschaft in allen Ländern, die erstaunt die Politik des israelischen Staates gegenüber den Palästinensern beobachten, die in vieler Hinsicht an die Nazi-Politik in Deutschland gegenüber den Juden erinnert.“

 

„Wer verlaust ist, hat nur ein Bad im Kopf“, lautet ein russisches Sprichwort. («Кто про что, а вшивый про баню»). An dem, dass ein Norweger durchdreht und seine Landsleute reihenweise ins Jenseits schickt, sind natürlich die Juden schuld, behaupten Menschen vom Schlage dieses – ich betone: in Russland absolut salonfähigen und Kreml-nahen Autors, der eine regelmäßige Sendung im Ersten Russischen Fernsehen moderiert und ein gefragter Kolumnist ist. Dies ist eine Pointe, die ich zumindest im deutschsprachigen Medienecho auf diese Tragödie des Jahres nicht registriert habe. (Zumindest für die Europäer ist das natürlich eine Tragödie des Jahres, für die Japaner sind das bestimmt Tsunami und Fukushima – oder stehen in Wirklichkeit auch die Juden und die schwulen Nazis dahinter?)

 

Mag sein, dass die Europäer von ihrer politischen Korrektheit und ihrer Toleranz, gegen die die blonde norwegische Bestie so frenetisch ankämpft, so geblendet sind bzw. sich so stark behindert fühlen, dass sie diesen Aspekt der Tragödie gar nicht anfassen. Die Passagen in Breisviks Pamphlet, in dem er sich mit Israels Politik gegenüber den Arabern solidarisiert, hat jedenfalls kaum jemand in Europa in einer bemerkenswerten Weise hervorgehoben. (Oder?)

 

 Russland hat aber kein Problem damit: Toleranz und politische Korrektheit gelten hierzulande bestenfalls als naiv, in weniger guten Fällen als heuchlerisch, schlimmstenfalls als ein Schimpfwort wie etwa „liberal“.

 

Allein schon aus diesem Grund würde ich behaupten: Das Problem mit der „Islamisierung“ in Russland ist viel komplexer und um einiges explosiver als in Europa. Millionen von Arbeitsmigranten aus den bettelarmen mittelasiatischen Ex-Unionsrepubliken wie Tadschikistan, Turkmenistan, Kirgistan und Usbekistan überschwemmen, unkontrollierbar wie ein Tsunami, Mütterchen Russland – dennoch wurde hierzulande nicht einmal ein Versuch unternommen, eine „Multikulti“-Regierungspolitik zu betreiben.

 

Eine Erklärung dafür könnte darin bestehen, dass die Ex-Sowjetunion sowieso eine spezielle Form vom „Multikulti“-Land war. Die heutige Regierung in Moskau – in ihrer Denkweise von Sowjetrussland geprägt – dürfte gedacht haben: Alles regelt sich irgendwie von selbst, wie sich das in den Sowjetjahren geregelt hat. Scheißen wir halt mal auf den Wegfall des früheren totalitären Systems, das die moslemischen Tadschiken, die orthodoxen Russen und die protestantischen Letten in Reih’ und Glied schreiten ließ. Scheißen wir halt mal auf die Globalisierung. Hauptsache der Rubel rollt – die Marktwirtschaft wird alles abglätten. Denkste.

 

Eine weitere Erklärung könnte darin bestehen, dass es auch im Bestand der heutigen Russischen Föderation (also nach dem Wegfall Zentralasiens) Teilrepubliken wie Tatarstan oder Baschkirien (geschweige denn der Spezialfall Tschetschenien) gibt, in denen die Moslems eine Majorität bilden. Zu Jelzins Zeiten gab es ziemliche Probleme mit den Tataren, die enorm viel Selbständigkeit für sich gefordert haben. Inzwischen ist Tatarstan nahezu ein Paradebeispiel des friedlichen Zusammenlebens der Christen und der Moslems innerhalb eines großeuropäischen Raums. Bloß: Wenn du kein Moslem bist, wirst du in Tatarstan niemals ein Präsident oder ein Direktor. Höchstens ein Vizepräsident und ein stellvertretender Direktor. Der russisch-christlichen Minderheit, die dort lebt, würde niemals in den Kopf kommen, dagegen zu rebellieren.

 

Dass dieses Problem in Russland wirklich ziemlich brenzlig ist, wäre dem russischen Blog-Echo auf die Geschichte mit Breivik leicht zu entnehmen. Hauptthema: Die europäischen Machthaber haben mit ihrer politischen Korrektheit und Toleranz alle Schrauben zu fest angezogen, so dass dem armen Norweger nichts anderes übrig blieb als (vorwiegend) eigene Landsleute umzubringen, um sich Gehör zu verschaffen. Insofern habe Breisvik recht: Diese Islamisierung sei nicht mehr tolerierbar. „Es gibt zu viele Fans des ‚Vikinger’ in Russland, insofern muss dem Aufmerksamkeit geschenkt werden“, formuliert das die Tageszeitung „Moskowskije Nowosti“ in ihrer politisch korrekten Weise.

 

Die Teilnehmer der Blog-Diskussion, die sich dem Tenor der Debatte – „Breiviks Methoden sind zwar  zweifelhaft, welche Methoden gibt es aber sonst?“ – zu widersetzen versuchten, wurden als „Tolerasten“ abgestempelt. Eine Fusion von „tolerant“ und „Päderast“, die eine Gleichsetzung der beiden Begriffe voraussetzt. Nie gehört? Es ist wohl langsam Zeit, dass sich die deutsche Sprache nach „Zobel“ und „Sputnik“ wieder mal mit einer neuen russischen Vokabel bereichert.

 

PS. Wie ich nun sehe, bin ich von Schewtschenkos These ziemlich weit abgewichen. Fragen dazu sind aber noch geblieben. Zum Beispiel: Von den Juden mal abgesehen: Ist Breivik wirklich schwul? Narzisstischja, keine Frage. Aber bedeutet das gleich auch schwul? Oder ist Kollege Schewtschenko – aus welchen Quellen auch immer – besser darüber informiert? Ich wäre ihm jedenfalls sehr verbunden, wenn er mal ein paar malerische Details dazu, sollte er welche wissen, auspacken würde.

 

Denn sonst wirkt alles schrecklich abstrus wie ein Aufstand der KZ-Zombies – Juden plus Schwule – gegen die heutigen Moslems. Meint das Kollege Schewtschenko wirklich so zynisch?

 

Auf bald.

 


Der Quadriga-Eklat. Ein Bärendienst der Putin-Sympathisanten.
[info]iwanowski

Das exotische Wort Quadriga inspiriert die schreibende Zunft zu schnellen Metaphern: "Die Quadriga saust an Putin vorbei“, „Putin wird die Quadriga nicht besteigen“, „Die Quadriga im Sumpf stecken geblieben.“

 

Was in den deutschsprachigen Medien dazu geschrieben wird, wissen die der deutschen Sprache mächtigen RIA-Novosti-Leser, die das Thema verfolgen, sicherlich mehr. Deshalb konzentriere ich mich mehr auf die russischen Pressestimmen zu diesem Eklat. Und da stellen wir gleich eine Meinungspluralität fest, die die Behauptung widerlegt, „Antidemokrat“ Putin lasse keine Meinungsfreiheit zu. Zumindest die beiden direkt entgegengesetzten Standpunkte – „Eine Ohrfeige für Putin“ und „Eine Blamage für Deutschland“ – sind in den Medien (zumindest in den Printmedien und im Internet) ohne weiteres vertreten.

 

Da das Blogen als Genre vor allem für persönliche Meinungen gedacht ist, packe ich eben meine persönliche Meinung aus.

 

Stichwort „Ohrfeige“.

 

Punkt eins. Wo ist Putin und wo ist der Quadriga-Preis? War das nicht eher ein Mückenstich, den das Muskelpaket Putin kaum merkt? Hat er etwa schlaflose Nächte in der Erwartung verbracht – „Kriege ich den Preis? Kriege ich den Preis vielleicht doch nicht?“

 

Punkt zwei: Der Quadriga-Preis ist eben kein Nobelpreis, und das Quadriga-Kuratorium ist alles andere als das Nobelpreiskomitee. Der äußerst fragwürdige Friedensnobelpreis für Barack Obama ist eben auch auf eine heftige internationale Kritik gestoßen – wen hat das aber im Nobelpreiskomitee gejuckt?

 

Punkt drei: Wie schon einige russische Medien bereits registriert haben – der Quadriga-Preis wurde bereits an in puncto demokratische Gesinnung und demokratisches Handeln ziemlich fragwürdige Politiker wie Karsai, Erdogan und Gorbatschow verliehen. Hat aber jemand damals – wie diesmal der Quadriga-Preisträger Havel oder – wie hieß da noch dieser Schwede oder Däne? – mit einer Preisrückgabe gedroht, wie jetzt im Fall Putin?

 

Ein paar Worte noch zu den Anhängern von Verschwörungstheorien, deren Meinung in den russischen Medien – wie gesagt, die russische Meinungspalette ist diesbezüglich reich genug – ebenfalls ihren Niederschlag gefunden hat. Es sei ein Coup gewesen, behaupten sie: Der Preis sei zuerkannt worden, um diesen gleich zurückzunehmen und um Putin damit zu erniedrigen. Wenn die Verschwörer wirklich so dumm waren, dann muss der russische Premier bei Gott noch lange nach ebenbürtigen Gegen-Verschwörern suchen.

 

Eher war das schon ein Bärendienst ungeschickter Putin-Sympathisanten.Bemerkenswert: Die Gegner der Preisvergabe an Putin sind faktisch alle namentlich bekannt, niemand aber will heute zugeben, er habe den russischen Premier für den Preis vorgeschlagen. Warum bloß?

 

Um bei meiner persönlichen Meinung zu bleiben: Putin war eigentlich nie mein Traum-Präsident und ist auch heute nicht mein Traum-Premier. Für mich hängt er viel zu stark der Vergangenheit nach, ich hätte mir einen Staatschef mit interessanteren und reicheren Zukunftsvisionen gewünscht. Traurig ist auch, dass er gegen die wuchernde Korruption nichts unternehmen will oder kann.

 

Nur: So, wie Putin denkt und handelt, steht er total im Einklang mit einer immer noch beachtlichen Mehrheit der russischen Bevölkerung. Insofern ist er ein Majoritätspolitiker.

 

"Putin geht lehr aus", schreibt etwa „Die Welt“, ohne die Schadenfreude zu verhehlen. Aus meiner Sicht war das eher ein Eigentor – plump und peinlich, wie ein Eigentor in der Regel auch ist. Ein Eigentor für die Putin-Kritiker, für die Demokraten und die Liberalen. Schade eigentlich.

 

Noch mehr schade um die anderen designierten Quadriga-Preisträger, an denen die Quadriga in diesem Jahr ohne Goldregen vorbeisaust: die mexikanische Außenministerin, die deutsche Autorin türkischer Abstammung und der palästinensische Regierungschef. Sie hätten die ihnen zustehenden 100 000 Quadriga-Euro ganz bestimmt mehr nötig gehabt als Putin.

 

 Auf bald.

 


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