Raten Sie mal: Wie viele Russinnen und Russen haben einen Reisepass? Mit anderen Worten: Welcher Anteil der russischen Bevölkerung besucht (un)regelmäßig andere Länder?
Jetzt werden Sie gleich denken: Diese Russen kommen wirklich in Massen. Russisch hört man jetzt fast ständig und überall, werden Sie denken. Manchen wird jetzt vielleicht auch der Eklat einfallen, der sich vor einigen Jahren irgendwo in Tirol ereignet hat: Etliche Hoteliers haben in der Wintersaison eine Anti-Russen-Verschwörung geschmiedet – sie wollten keine Russen in ihren Etablissements sehen. Bzw. hören – weil diese ungehobelten Wilden mit ihrem lauten und rücksichtslosen Auftreten die sonstigen Gäste verscheuchen.
Na, raten Sie doch mal! Sind es 75 Prozent? 50? 33?
Nein. Falsch geraten.
Es sind weniger als zehn Prozent. Säuglinge und Greise eingeschlossen. Also zehn bis zwölf Millionen.
Einigen von Ihnen wird jetzt diese Zahl unglaubwürdig klein erscheinen. Ich höre schon so manche von Ihnen, die mir entsetzt zuschreien: „Unmöglich!“ „Lüge!“ Womöglich sogar – „Beschwichtigungspropaganda!“
Sinnlos. Es sind nun mal nackte Tatsachen und frische Kennziffern.
Die Russen kommen nicht. Die meisten, die kommen wollten, sind schon längst drüben. Das Potenzial an den Möchte-gern-Kommenden ist verschwindend gering. Tendenz: sinkend.
Besonders angesichts der Krise. Hier die neuesten statistischen Daten: Vier (VIER - also nicht 40 und nicht einmal 14) Prozent der russischen Bürgerinnen und Bürger haben vor, ihren diesjährigen Urlaub im Ausland zu verbringen.
Völlig überflüssig also die Panik, in die so manche EU-Beamte geraten (diese aber eher gewohnt vortäuschen), wenn man sie nach einer etwaigen Abschaffung der Visumpflicht für die Russen fragt.
Mehr noch: Von diesen vier Prozent der reisefreudigen Russen wird sich ein solider Anteil die Visumkosten und –schikanen ersparen wollen und lieber in ein Land reisen, das von ihnen kein Visum verlangt. Etwa in die Türkei. Oder nach Israel. Inzwischen sind es bereits über 40 Länder, die die Russen visumfrei besuchen dürfen. Für die diesjährige Badesaison haben außerdem Länder wie Bulgarien, Kroatien, Serbien, Mazedonien und etliche andere - allein in Europa - die Visa für die russischen Gäste abgeschafft (Vietnam, Venezuela, Argentinien und Kolumbien übrigens auch, und zwar nicht nur für die Urlaubssaison, sondern überhaupt).
Apropos Israel. Die Diskussionen über die Visa-Abschaffung sind noch frisch in Erinnerung. Diejenigen, die schon einmal nach Israel gereist sind, kennen die dortige tierisch ernste Kontrolle bei der Ein- und Ausreise. Weit bekannt ist auch die (leider nicht unbegründete) Terroristen-Phobie in Israel. Die Visumpflicht nun ausgerechnet mit Russland, also mit einem Land abzuschaffen, für das der Islamisten-Terror nach den zwei Tschetschenien-Kriegen ebenfalls immer noch ein Problem ist – verrückt?
Ins Gewicht viel bei den Diskussionen auch die Besorgnis, dass viele der Gäste, die aus Russland nach Israel kommen, dort auch gerne bleiben würden – immerhin machen die Auswanderer aus der Ex-Sowjetunion über 20 Prozent der heutigen israelischen Bevölkerung aus.
Im September 2008 wurde die Visumpflicht zwischen Israel und Russland nun doch beiderseitig abgeschafft. Dadurch erreichte Israel einen zehnprozentigen Anstieg des Touristenstroms aus Russland. Ein paar Beamtenstellen in den Konsulaten wurden gestrichen. Keine weiteren nennenswerten Folgen.
Russlands Außenminister Sergej Lawrow behauptet, Moskau würde die Visumpflicht für die EU-Bürger „morgen schon“ abschaffen, wenn die EU das tun würde. Ich glaube meinem Minister, offen gesagt, nicht immer, in dem Fall glaube ich ihm aber sofort.
Die atavistische Visumpflicht zwischen EU und Russland muss weg. Gemessen an den politischen, wirtschaftlichen, ideologischen, propagandistischen, humanitären und sonstigen Vorteilen wären die politischen, wirtschaftlichen, ideologischen, propagandistischen, humanitären und sonstigen Nachteile läppisch, lächerlich und kaum erwähnenswert. Behaupte ich halt.
Mehr dazu vielleicht in einem nächsten Brief.
Auf bald.
- Die Russen kommen (nicht)
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